Mythos Fastenzeit…

Momentan verzichtet fast jeder auf irgendetwas: Süßigkeiten, Alkohol, Konsum oder Handy – dies sind nur die gängigsten Themen. Aber woher kommt der Wunsch nach einer solchen Reduzierung?

Ein „Zuviel“ im Alltag ist oft der Grund, warum wir uns gestresst fühlen, der Darm streikt oder die Leber mit dem Entgiften nicht mehr hinterherkommt. Oft kommen zu uns Patienten in die Praxis mit Kopf-, Schulter- oder Rückenschmerzen, deren Ursache für ihre Beschwerden aber in dieser Überlastung liegen, weil das Gewebe und der Stoffwechsel blockiert sind.

Doch was bringt Fasten wirklich? Es soll angeblich entschlacken, gesund sein und die Figur wieder auf Linie bringen. Recherchiert man nach Artikeln zum freiwilligen Nahrungsverzicht, findet man eine Flut von mehr oder weniger seriösen Websites und ebenso mehr oder weniger seriösen Versprechungen. Doch die wissenschaftliche Studienlage ist dürftig. Dennoch habe ich daraus fünf Fragen und Antworten, die etwas Licht ins Dunkel bringen sollen, zum Thema „Fasten“ zusammengestellt.

 

  1. Ist Fasten Tradition, Religion oder Mode?

 Das Fasten hat seinen Ursprung in verschiedensten Religionen und blickt auf eine Jahrtausende überdauernde Geschichte zurück. Gefastet wird im asiatischen Raum von Buddhisten und Hinduisten,  genauso wie schon Indianer nordamerikanischer Stämme diese Prozedur nutzten, um ihren Körper und Geist zu reinigen. Im Judentum und Islam hat das Fasten ebenfalls einen festen Platz. Die christliche Fastenzeit (1) wird meist bestimmt durch eine Einschränkung von Lebensmitteln wie Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Neuere Traditionen sind der Verzicht auf Genussmittel, wie Alkohol und Tabak, oder Alltagsgewohnheiten, wie Medienkonsum und Auto fahren. In unserer Überflussgesellschaft kommt der freiwillige Verzicht wieder in Mode, die Wurzeln des Fastens sind aber älter als jede Modewelle.

 

  1. Kann der Körper fast ohne Nahrung auskommen?

Ein gesunder Körper kann je nach Konstitution und Reserven, vier und mehr Wochen ohne feste Nahrung auskommen. Voraussetzung ist jedoch die ausreichende Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen in flüssiger Form. Im Gegensatz dazu kann ein Verzicht auf Wasser nur wenige Tage kompensiert werden.

Es gibt Forscher die davon ausgehen, dass unser Körper evolutionsbiologisch darauf ausgerichtet ist (2) phasenweise auf Nahrung zu verzichten und behaupten sogar, dass die dauernde Verfügbarkeit von Essen, sowie regelmäßige, über den Tag verteilte Mahlzeiten, wider unsere Natur sind. (3)

 

  1. Was passiert im Körper beim Fasten?

Durch die Umstellung auf den Gebrauch körpereigener Reserven, ist Fasten für den Körper zu Beginn Stress (4). Es wird vermehrt Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Doch diese Werte normalisieren sich bald wieder und als Lerneffekt wird der Körper sogar nachhaltig empfänglicher und sensibler für derartige Signale. Für die Energieversorgung werden dann vermehrt Lipide und Proteine genutzt (5).

Der gefürchtete Muskelabbau, von Fastenkritikern oft erwähnt, setzt erst nach Wochen einer Nulldiät ein, bei der gar keine Nährstoffe aufgenommen werden dürfen. Von einer solchen Diät ist aber grundsätzlich abzuraten! Außerdem sollte jedes therapeutische Fastenprogramm durch moderate Bewegung begleitet werden, wodurch dem Prozess des Muskelabbaus zusätzlich entgegengewirkt wird. Ein positiver Effekt der Bewegung ist auch die Ablenkung vom anfänglichen Hungergefühl. Dieses verschwindet allerdings recht schnell, da der Körper sich an den Zustand der neuen Energiegewinnung gewöhnt.

Ein voller Bauch macht müde – die Verdauung kostet viel Energie. Das kennt jeder nach einem (zu) ausgiebigen Essen. Im Gegenteil sind wir mit einem leeren Magen besonders leistungsfähig. Die Forscher begründen das damit, dass wir evolutionsbedingt bei der Nahrungssuche ausdauernd und konzentriert sein mussten um an neue Verpflegung zu gelangen (6). Die Annahme, dass die Konzentration bei leerem Magen nachlässt wurde ebenfalls wissenschaftlich widerlegt (7).

Auch die seelische Verfassung wird positiv beeinflusst (8). Nahrungsverzicht hat eine stimmungsaufhellende Wirkung, bis hin zur Euphorie, die ähnlich eines Antidepressivums auf depressive Symptome und Missstimmungen wirkt (9). Dazu kommt das ganz subjektive Glücksgefühl, wenn wir eine Herausforderung erfolgreich gemeistert haben – man fühlt sich gut!

Fasten ist auf vielen Ebenen also gesund, aber kann ich durch Fasten auch gesund werden?

 

  1. Hilft Fasten gegen Krankheiten?

Fasten zur Linderung bestehender Krankheiten ist sehr umstritten, vor allem in den Bereichen von Krebstherapie und einigen Krankheiten wie Rheuma und Arthritis. ‚Versprechen‘ in diesen Gebieten sollten stets kritisch betrachtet werden.

Belegt ist der positive Effekt aber bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Die Auswirkungen auf den Blutdruck sind vergleichbar oder gar stärker als bei medikamentöser Therapie mit ACE-Hemmern oder Betablockern (10). Auch die Therapie von Asthma-Patienten ist belegt, durch die Verminderung des Histamins in den Zellen der Bronchien (11) im Verlauf des Heilfastens. Die Behandlung von Übergewicht durch Fasten erfolgt nur indirekt. Nach der Fastenzeit holt sich der Körper die verbrauchten Reserven zurück, wenn keine langfristige Umstellung der Ernährung geschieht (12). Jedoch kann diese Umstellung nach dem vollständigen Verzicht leichter gelingen, weil Lebensmittel, wie Süßigkeiten und Fleisch unter anderem, erst einmal nicht mehr so gut schmecken. So begünstigt das Fasten einen Bewusstseinswandel in Bezug auf Ernährung (13).

Beachte: Fasten zur Therapie bei Krankheiten sollte immer unter ärztlicher Aufsicht und Betreuung stattfinden!

 

  1. Wie gestalte ich ‚meine‘ Fastenzeit nun konkret?

 Auf der Suche konkreten und seriösen Angaben stieß ich nur auf die Definition der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung. Hier wird therapeutisches Fasten mit einer Kalorienaufnahme von unter 500 Kalorien (in Form von Brühe und Saft) über einen Zeitraum von 7 bis 28 Tagen empfohlen (14).

Für mich gibt es auf diese Frage jedoch nicht die eine allgemein gültige Antwort. Verzicht und Fasten sind individuell – bedingt durch Religion, Tradition und Mode, durch persönliche Konstitution und Zielsetzung.

Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, uns und unserem Körper eine Auszeit zu gönnen. Besser ist es, dauerhaft einen Weg zu finden, wie wir jeden Tag mehr im Gleichgewicht sind. Der Schlüssel dazu ist oft so etwas Einfaches wie Achtsamkeit, d. h. im Hier und Jetzt sein und die Gedanken, was war und kommt links liegen lassen.

Achtsamkeit ist für jeden etwas Anderes und darum ist es wichtig, dass Sie selbst ihren Weg finden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine Fastenzeit mit spannenden Momenten der Selbstwahrnehmung und der kritischen Reflexion der essentiellen und luxuriösen Bestandteile unseres Alltags die in der Gesamtheit unser Leben so individuell und lebenswert machen.

 Ihre

Anne Ehrlich

 

 

Alle Quellen des Textes zum Nachlesen:

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Fastenzeit

(2) http://www.medpagetoday.com/MeetingCoverage/ObesityWeek/42966

(3) http://www.aerzteblatt.de/pdf/95/9/a477-9.pdf

(4) http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/stress/11388

(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Ketokörper

(6) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25576651

(7) http://hub.jhu.edu/magazine/2012/summer/dont-feed-your-head#

(8) http://www.aerzteblatt.de/pdf/95/9/a477-9.pdf

(9) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=michalsen%2C+kullmann%2C+2006

(10) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12470446

(11) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12470446

(12) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25540982

(13) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16131283

(14) http://aerztegesellschaft-heilfasten.de/informationsdienst/leitlinien-zur-fastentherapie/

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